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Final Cut & Ich

Mein Name ist Florian Gintenreiter und ich bis seit fast zwei Jahrzehnten im der Film- und Videobranche tätig. Ich habe den Siegeszug der Nichtlinearen Schnittsysteme von Anfang an miterlebt. Das AVID-System, auf dem ich bei der Firma Cut&Copy schneiden lernte, war Anfang der 90er Jahre eines von dreien in Wien. Mittlerweile gibt’s hunderte, wenn nicht sogar tausende „Schnittplätze“ in Österreich.
Seit Mitte der 90er Jahre habe ich als Cutter oder Cutter/Gestalter an unzähligen TV Projekten wie »Taxi Orange«, »Expedition Österreich«, »Einserteam«, »ATV Life«, »Nadine traut sich«, »Traumhaus«, »Supernanny«, »Du bist was du isst« und noch einigen anderen mitgewirkt.

Ich habe Dokumentationen wie »Karl Flanner-Immer wieder Widerstand«, »Die Wiener Philharmoniker« und »Brennende Wachau« geschnitten und Schnitt und Effekte bei über 60 TV Spots und Imagefilmen für Kunden wie Peugeot, Telering, Wirtschaftskammer, A1, Hansaplast, Ytong, Jansen Medical, Danone, e-tech, Billa, BEWAG, Generali, Eskimo, Zipfer, IBM, Drei, Borealis, OMV, Samsung, T-Mobile, Wien Energie und etlichen mehr, verantwortet.
Obwohl in den letzten Jahren Kamera- und Regiearbeiten mehr im Vordergrund standen, hat Videoschnitt weiter einen wichtigen Stellenwert in meinem Berufsleben.

Final Cut Pro & Final Cut Pro X


Anfangs eingefleischter AVID Cutter, begann ich mich mit meinem Umstieg auf Apple Computer in den frühen 2000ern auch mit deren NLE Final Cut Pro, in der Folge FCP genannt, zu beschäftigen, obwohl dieses im professionellen Umfeld in Österreich anfangs keine große Bedeutung hatte. Mit Ende der 2000er gewann FCP an Beliebtheit und setzte sich auch langsam bei größeren TV, Werbe- und Kinofilmproduktionen durch.
In den USA hatte FCP den langjährigen Branchenprimus AVID, zwar noch nicht vom Thron gestossen, dann zumindest, arg in Bedrängnis gebracht. Ein florierendes Ökosystem hatte sich um FCP gebildet und ganze Firmen hatte ihren Workflow rund um Apples Software gebaut.
Mit dem Erfolg des iPhone und iPad jedoch schien es als würde Apple sich von den professionellen Nutzern abwenden. Updates von FCP wurden selten, wenig neue Features kamen hinzu—das Programm veraltete zusehends. Profis begannen zu zweifeln, ob Apple überhaupt noch an professioneller Software- und Kundschaft interessiert war. Viele grübelten darüber nach ob sie die Apple-OSX-Plattform nicht verlassen und in die billigere PC/Windows-Welt wechseln sollten— ein Gedanke, der die Herzen vieler Mac-Benutzer mit Grauen erfüllte.
Darum wundert es nicht, dass sich Aufregung in der Branche breit machte als Apple 2010 ankündigte, dass doch ein neues FCP in Arbeit war—und es würde »awesome« sein, ließ Apple-Chef Steve Jobs damals verlauten…
Im Juni 2011 war es dann soweit, Apples neuer NLE—Final Cut Pro X (ausgesprochen: Final Cut Pro Ten) war im App-Store zu kaufen. Ich klickte auf „kaufen” und nach ein paar Minuten download, startete ich voller Erwartung die Software. Anfangs war ich noch von der Benutzeroberfläche beeindruckt und von der Geschwindigkeit der Software, aber binnen Minuten fiel mir auf dass wichtige Funktionen einfach fehlten. Projekte des „alten“ FCP konnten nicht geöffnet werden, externe Videokarten wurden nicht unterstützt, es gab keine Möglichkeit Mehrkamera-Aufnahmen zu schneiden… die Liste der fehlenden Funktionen war lang, der Aufruhr im Internet war groß. Profis in allen Ecken der Welt wurden von Entsetzen gepackt—statt eine neue, bessere Version von FCP hatte Apple was komplett neues, unausgegorenes und unfertiges auf den videoschneidenden Teil der Menschheit losgelassen!
Darüber hinaus stellte Apple den Verkauf und Support des „alten“ FCP am gleichen Tag ein. Cutter und Firmen fühlten sich von Apple verraten, verließen das vermeintlich sinkende Schiff in Scharen. AVID und ADOBE waren schnell mit verlockenden Umstiegsangeboten, sogenannten „Cross-Grades“ bei der Hand und jubelten über die vielen Neukunden.
Auch ich war entsetzt, verfiel aber nicht in die Panik vieler Kollegen, die von FCP abhängig waren, weil ich ja ohnehin AVID Mediacomposer beherrschte und ohnehin versuchte meinen Fokus weg vom Schnitt und mehr zu Kamera- und Regiearbeit zu verlegen. Trotz aller Unzulänglichkeiten von FCPX wollte ich die Software aber mögen und fand die teilweise recht revolutionären Brüche mit althergebrachten NLE Metaphern der letzen 20 Jahre erfrischend. Schneiden machte mir plötzlich wieder Spass.
Der „Shitstorm“ war jedoch schon ausser längst Kontrolle. Im Internet zerriss man FCPX und obwohl wahrscheinlich 90% der Kritiker die Software nicht einmal ausprobiert hatten, stimmten viele in das Geheul mit ein—Apple hatte die Markteinführung von Final Cut Pro X gehörig verpatzt — und sie wussten es.
Was dann geschah war für Apple recht untypisch: Die sonst sehr geheimniskrämerische Firma kündigte an FCPX so schnell wie möglich nachbessern zu wollen, gelobte auf die Kunden zu hören—und tat es auch!
Heute, fast 4 Jahre und 16 (!) Updates später, ist FCPX wieder ein sehr ernstzunehmender NLE geworden, der wesentlich teureren Systemen in den meisten Bereichen um nichts mehr nachsteht und in einigen Bereichen sogar überlegen ist.
Apple hat mit der Art und Weise wie sie in dreieinhalb Jahren FCPX von einem Desaster zu einem guten Schnittprogramm entwickelt haben bewiesen, dass ihnen Videoprofis doch noch am Herzen liegen. 2013 hat Apple als weiteren Schritt die Musiksoftware Logic in der neuen Version LogicProX herausgebracht, die von den Anwendern sehr wohlwollend aufgenommen worden ist. Ende 2013 ist ein neuer MacPro erschienen auf dem das neue Final Cut X dank der Unterstützung der zwei eingebauten Grafikkarten zur Höchstform aufläuft. Die Software steht jetzt in Version 10.2.x zur Verfügung und das letzte Update hat wieder viele professionelle Funktionen zurückgebracht, die Profis vermissten und viele aus anderen Programmen bekannte Funktionen besser implementiert als der Mitbewerb.
Niemand der sich ernsthaft mit Final Cut Pro X beschäftig, kann mehr behaupten die Software sei ein Spielzeug oder umprofessionell. Ich glaube FCPX wird sich in den kommenden immer mehr durchsetzen, Marktanteile zurückgewinnen und weitere Akzeptanz erfahren. Derzeit ist fcpx.at mein Hobbyprojekt, das Ziel ist es jedoch bei genügend Interesse es zu einer FCPX Plattform im deutschsprachigen Raum mit Fokus auf Österreich werden.In diesem Sinne lass ich es mal damit bewenden und melde mich demnächst wieder mit einem technisch orientiertem Post zurück.

— Florian
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